Archiv für den Monat: Juni 2018

BERICHT zum Seminar des Yogalehrer-Ausbildungskurses

„Mut zur Zielsetzung und die Spannkraft der Wirbelsäule“

Frühjahr 2018 in Lago di Tenno, Italien

Das Seminar, das der Ausbildungskurs zum Yogalehrer als Teil seiner Abschlussprüfung eigenständig geplant und durchgeführt hat, ist erfolgreich und aufbauend verlaufen. Vor dem Beginn der Veranstaltung war die Atmosphäre neben einer freudigen Erwartung auch von etwas Aufregung geprägt, da dieses Mal, anders als sonst während der Ausbildung, nicht nur die Ausbildungsteilnehmer und Rita Egger, die Ausbildungsleiterin, anwesend waren. Es waren auch einige interessierte Menschen, wie Kursteilnehmer, Familienmitglieder und Freunde zur Teilnahme nach Italien angereist und Heinz Grill war als Referent eingeladen.

Gut vorbereitet auf das gewählte Thema der beiden Tage „Mut zur Zielsetzung und die Spannkraft der Wirbelsäule“ wollte der Ausbildungskurs die erlernten Fähigkeiten der drei Ausbildungsjahre auf unmittelbar praktische Weise den Anwesenden vorstellen. Dem Kurs lag es auch am Herzen, den interessierten Menschen die Möglichkeit zu bieten, Heinz Grill persönlich kennenzulernen. Mit dem von ihm begründeten Neuen Yogawillen, den er auf verschiedenste Gebiete des Lebens weiterentwickelt hat, gibt er die wesentliche Grundlage der Ausbildung.

„Wie ein Pfeil eines spannkräftigen Bogens in die Weite fliegt und sein Ziel erreicht, so sollte die Wirbelsäule spannkräftig und elastisch sein, damit sie für die täglichen Aktivitäten hohe Kräfte freisetzen und der Mensch seine persönlichen Ziele realisieren kann.“ [1]

Mit dieser bildhaft lebendigen Beschreibung von Heinz Grill, rückte A., die die Moderation für das gesamte Seminar durchführte, gleich zu Beginn das Seminarthema in die Mitte. Auch beschrieb sie in kurzen Worten, was in der Übungsweise des Neuen Yogawillen wesentlich ist.

Der Neue Yogawille möchte die seelische aktive Auseinandersetzung des Menschen mit der Übungspraxis anregen und fördern. Dadurch kann der Mensch selbst sein Lern- und Erfahrungsfeld des Seelenlebens erweitern und entwickeln. Ganz besonders sei, so führte sie weiter aus, dass man die Inhalte auch auf die verschiedensten Gebiete des Lebens übertragen kann. So sind die Seminarinhalte direkt auf den Alltag übertragbar und konkret anwendbar.

Die Idee, dass es dank der inhaltlich guten Planung und Vorbereitung keinen festen und starren Programmablauf durch die beiden Seminartage hindurch geben sollte, erzeugte eine offene und neugierige Vorfreude und ermöglichte über die Tage ein freudiges, lebendiges Arbeiten.

Erste Praxiseinheit mit Asanas: die Anregung eines Erlebens für den Raum

Demonstration des Fisches: Hier zeigt sich die Spannkraft zentriert an der oberen Brustwirbelsäule. Die Beine liegen ruhig am Boden auf, der Kopf fällt gelöst nach hinten und berührt sanft den Boden.

Mit dem Sonnengebet zu Beginn der Reihe wurde das weite Herausheben des Oberkörpers aus den Flanken geübt. Die Stellung der Waage wurde in diesem Sinne angeleitet, sodass ein erstes Erleben von mehr Raum im Flankenbereich geschaffen wurde, durch das aktive Wahrnehmen und Schauen, das der Anleitende demonstrierte und beschrieb. Beim Schulterstand stand mehr das Erleben einer Zentrierung im Brustraum im Vordergrund. Der Fisch schloss sich im Sinne einer Gegenbewegung günstig daran an.

Vorübung zur Kopf-Knie-Stellung: Indem die Arme in einer sehr gelösten , von Leichtigkeit getragenen Bewegung seitlich nach oben geführt werden, kann leichter der Ansatzpunkt für den Spannungsaufbau in der Mitte der Wirbelsäule gefunden werden.

 

In der Kopf-Knie-Stellung erfolgte eine sehr aktive Ausdehnung in den Raum, indem sich die Teilnehmer aus dem Flankenbereich in den Raum ausspannten. In der Schiefen Ebene konnte die Form durch ein kurzes Loslassen des Körpers vor dem Hochgehen zu mehr Leichtigkeit geführt werden.

Mit einer Geste zeigt und unterstützt Julija das entschlossene Hochheben in die Schiefe Ebene.

Das weite Hinausgespanntsein aus der Mitte der Wirbelsäule im seitlich liegenden Dreieck ließ es nicht zu, dass die Teilnehmer kippten und sie konnten sogar das zweite Bein leicht nach oben strecken. In der klaren Demonstration des Kamels konnten die leicht und weit in den Raum geführten Armbewegungen, und wie sich damit die Brustwirbelsäule in eine weiter aufgespannte Rückwärtswölbung ausdehnen kann, angeschaut und die Stellung dann von den Teilnehmern selbst aufgebaut werden.

In dieser ersten Praxiseinheit konnte man durch das Erleben der Weite des Raumes die Spannkraft der Wirbelsäule in eine erste Erfahrung bringen und die Teilnehmer konnten in ersten Schritten einem neuen Ziel entgegengehen. Damit war auch der Raum für den nächsten Beitrag eröffnet.

Die Dreigliederung des Raumes und die Übertragung auf die Yogapraxis

Mit einer einfachen Übung bringt Stefan das Erleben der Horizontalen (bezogen auf den Raum: die Breite) in das Erleben.

Stefan, der jetzt mit seinem Beitrag die sogenannte „Dreigliederung“ erläutern und ins Erleben bringen wollte, begrüßte auch gleich Heinz Grill, der nun dazugekommen war. Stefan erläuterte den Begriff der Dreigliederung mittels der Dreidimensionalität des Raumes innerhalb der der Mensch steht: in den Raumdimensionen – Höhe, Breite, Tiefe.

Er leitete eine einfache Körperübung auf dreierlei Weise an: einmal eine sehr weit verbreitete Form mit angespanntem Oberkörper und fixiertem Atem, in einer zweiten Variante wurde möglichst viel Atem eingesaugt, um viel Sauerstoff zu erhalten. Die dritte Variante hatte einen ganz anderen Charakter: mit einer gelösten Bewegung wurden die Arme nach oben geführt, während gleichzeitig darauf geachtet wurde, wie die Luft in einer Berührung mit der Haut erlebt wurde. Durch diese Gliederung von Bewegung und bewusster Wahrnehmung konnte eine Verbindung mit dem Raum und seiner Weite aufgenommen werden.

Diese dritte Variante, die auf einer Dreigliederung beruhte, ermöglichte den Teilnehmern eine erste Wahrnehmung der Verbindung von Bewegung und Raum. Diese Verbindung beschreibt Heinz Grill in dem Zitat, das Stefan zitierte, sehr aussagekräftig:

„Die beste Methode für die Übertragung des äußeren Raumes auf die Kunst einer zwangfreien und dennoch willentlich gut geformten Bewegung entsteht durch die sogenannte Dreigliederung, die einen ruhigen und doch klar orientierten Bewusstseinspol, ein aktives dynamisches Zentrum und schließlich eine entspannte ruhige Zone unterscheidet.“[2]

Perspektiven der Yogapraxis

Heinz Grill wurde nun eingeladen einen Beitrag zum Thema zu geben. Er zeigte interessante Perspektiven des gesamten Übens auf, indem er gleich die Frage stellte: „Wann lerne ich am meisten? Wenn ich eine Asana im Yogakurs mitmache oder wenn ich sie für andere demonstriere?“ Es wurde sogleich offensichtlich, dass eine größere Eigenaktivität im Yogakurs auch zu einem besseren Lernen führt. Heinz Grill führte in etwa Folgendes aus: „Das Gelernte wird somit auch authentischer – die Person reift, das Vertrauen in die eigenen Kräfte wächst. Aktives, selbstständiges Denken wird geschult, indem man sich Ziele gedanklich vorstellt! Ein fundiertes Gefühlsleben entsteht. Wichtig ist, dass der Mensch etwas will, dass dieses Wollen gut in der Person verankert ist und es auch zum Erfolg führt.“

Dem stellte Heinz Grill die gegenwärtige Situation in Deutschland gegenüber: der Mensch soll in dem funktionalen System funktionieren. Auch in der Psychologie wird das Thema der Selbstbestimmung des Menschen der Systemorientierung, dem Funktionieren gegenübergestellt, wie z.B. Prof. Dr. Mausfeld zum Thema „Demokratie und das Hineingestelltsein des Menschen“ beschreibt.

Weiter führte Heinz Grill aus, dass der Mensch in der Yogapraxis lernen sollte, etwas im künstlerischen Sinne zu erzeugen und nicht nur zu funktionieren. Er könne Gedanken erzeugen und auch Gefühle. Ein von Natur aus höflicher Mensch z. B. erzeugt automatisch das Gefühl von Höflichkeit oder wenn ein Mensch den Raum in seinen drei Dimensionen erlebt, wie im Beitrag zuvor in der Körperübung erlebt werden konnte und so das Gefühl von Verbindung und Beziehung erzeugt wurde. Der Mensch könne jedoch auch bewusst Gefühle kreieren, denn diese übertragen sich auf die Mitmenschen. Z.B. ein sicheres Gefühl im Kopfstand überträgt sich und ein unsicheres Gefühl überträgt sich auch. Ein Yogalehrer kann das Ziel haben, dass niemand beim Kopfstand umfällt, er kann dieses Gefühl der Sicherheit bewusst erzeugen. Solche vornehmen Gefühle bräuchte es im Leben, die den Menschen zur fortlaufenden Entwicklung anregen. Die Yogapraxis solle einen Anstoß geben, wie die Demonstration von Stefan zur freien Atmung im Vergleich zur gebundenen Atmung.

Heinz Grill erwähnte die von Gegnern geäußerte Behauptung, Yogaübende würden in eine subjektive Welt flüchten, und stellte dem den freien Menschen gegenüber. Er beschrieb, was dieser braucht: ein freies Denken, die Fähigkeit sich klare Vorstellungen zu bilden, ein gutes, gesundes und wachsendes Gefühlsleben, nicht schnelle Emotionen. Darüber hinaus einen gesunden, kräftigen Willen zur aktiven Betätigung. Der Übende könne dann aktiv im Leben wirken, damit dieses Leben noch Einiges bringen kann! Im Neuen Yogawillen flüchte sich der Übende nicht in eine subjektive Welt, er schule sich in dem, was er wirklich brauche.

Nachdem Heinz Grill die erschreckende Tatsache aufgezeigt hatte, dass an dritter Stelle der Todesursachen nach Herz-Kreislauf- und Tumorkrankheiten in Mitteleuropa schon der Suizid steht, zitierte er Viktor Frankl: „Kann man ein Leben ohne Sinn, ohne Inhalt ertragen?“ Um dem Leben einen Sinn zu geben, müsse ein praktischer Zugang zu einer seelisch-geistigen Sichtweise gefunden werden, betonte Heinz Grill. Gerade mit 40-50 Jahren stellten sich Fragen nach sinnvollen Perspektiven, denn das Leben nur noch gut hinüberzubringen mit wenig Qual wäre kein Ziel. Existenzielle Ziele und Fragen eröffneten sich dann: „Was ist die Seele wirklich? Was hat der Mensch entwickelt? Was hat er zur Entfaltung gebracht? Was kann in dieser Frage der Yoga bringen?“

Heinz Grill hob besonders hervor, dass der Mensch in sozialer Hinsicht Liebeskräfte entwickeln und ins eigene Leben eine inhaltliche Auseinandersetzung seelischer Art hineinbringen kann. Auch diese oder jene neue Dimension könne er in seinem Leben erringen, z. B. eine dynamische Übungspraxis. Er könne dadurch Geheimnisse im persönlichen und allgemeinen Leben entdecken und erforschen. Die Frage „Wie hat sich der Mensch nach einem Jahr entwickelt?“ könne sichtbar machen, was sich z.B. in seiner Beziehungsfähigkeit verändert hat.

Abrundend stellte Heinz Grill ein für alle erstrebenswertes Ziel heraus und formulierte es mit diesen Worten: „Ich will das einfach bei mir, dass ich eine gesunde, erbauende Ausstrahlung auf meine Mitmenschen habe.“

Die Wirbelsäule in anatomischer und seelischer Sicht und das Erleben in einer Seelenübung

Über diese drei Schwerpunkte zur Wirbelsäule wurde jetzt das Seminarthema weiter vertieft. Zuerst stellte Anna die Frage in den Raum, wie man zur Wirbelsäule noch sagen könne. Im Lexikon stehe: „Lateinisch „Columna vertebralis“ heißt „zu den Wirbeln gehörige Säule“. Rückgrat wäre z.B. ein anderer Begriff für die Wirbelsäule. Es gibt verschiedenste Redewendungen, die einen Bezug der Wirbelsäule zum Seelischen zeigen, z. B.: „Der hat Rückgrat bewiesen.“ führte Anna als Beispiel an.

Als weitere Frage beschäftigte die Seminarteilnehmer, was denn unter Spannkraft verstanden wird. Anna  zitierte hierzu den Philosophen und Physiker Max Jammer (1915-2010): „Der Ursprung des Kraftbegriffs liegt in der menschlichen Erfahrung, dass eine einmal gefasste Absicht in die Tat umgesetzt werden kann.“ Den Begriff „Kraft“ könne man mit dem Begriff „Spannkraft“ gleichsetzen, welche benötigt wird, um eine Absicht in die Tat umzusetzen. Es wird damit auch eine über einen längeren Zeitraum aufrecht erhaltene Aktivität im Bewusstsein, im Denken, Fühlen und Tun des Menschen angedeutet. Dies konnte leicht nachvollzogen werden, denn in der Asana-Praxis vom Vormittag konnten die Teilnehmer erleben, dass je weiter und freier eine Bewegung eigenaktiv ausgeführt und eine Weile gehalten wird, desto mehr sich die Wirbelsäule spannkräftig ausdehnen kann.

Irena lenkte im Anschluss den Blick auf die heutige Zeit, in der die Menschen viele Tätigkeiten im Sitzen ausführen und sehr viele Informationen verarbeiten müssten, was sie gar nicht bewältigen könnten. Die Zeitkrankheit „Rückenschmerz“ ist ein Ausdruck für diese physischen und seelischen Überlastungen, führte sie weiter aus. Im Gegensatz dazu hebe wirkliches Interesse an einer Sache, an den Mitmenschen und an der Welt, die Wirbelsäule in die Leichte. Aufmerksamkeit und spannkräftiges Aufrichten sei die Folge.

Anschaulich durch die eigene Körpersprache gab Irena den Teilnehmern ein Bild eines interessierten Schülers, der ganz beim Lehrer und beim Thema ist mit seiner Aufmerksamkeit, voller Begeisterung, Freude und Neugierde im Vergleich zu einem nur noch funktionierenden depressiven Menschen. An ihrer Darstellung konnte die Wirkung von Interesse eindeutig angeschaut werden. Der interessierte Schüler wirkt wach, richtet sich auf, schaut den Lehrer an, er will dabei sein, mitwirken am Unterricht. Der depressive Mensch dagegen wirkt eingesunken, die Wirbelsäule hat wenig Spannkraft, sie sinkt nach unten. Beim Kind ist dieses Interesse noch natürlicher gegeben, der Erwachsene hat die Möglichkeit selbst aktiv Interesse zu erzeugen.

Bei dieser von Interesse begleiteten Begegnung ist sehr sichtbar, wie sich bei beiden Personen die Wirbelsäule spannkräftig aus ihrer Mitte aufrichtet.

Irena schuf dann durch ein Beispiel die Verbindung zur Yoga-Übungspraxis. Ein Übender könne das Ziel haben, den Kopfstand zu lernen und fragt sich, wie denn der Halt entsteht. Durch die Frage setze er sich forschend auseinander mit dem Kopfstand, Interesse erwache und gleichzeitig entstehen dadurch Kräfte für eine spannkräftige Wirbelsäule. So wurde der Zusammenhang von Interesse zu einem Ziel und der spannkräftigen Wirbelsäule deutlicher.

Abrundend führte sie weiter aus, dass es nun nachvollziehbarer sei, wie Rudolf Steiner in der Anthroposophie und Heinz Grill im Neuen Yogawillen beschreiben, dass Seelisch-Geistiges den physischen Leib gestaltet und nicht umgekehrt der Mensch sich ausgehend von der Materie entwickelt.

Jetzt beschrieb Christine eine Seelenübung und nannte als Ziel das „Ordnen der Gedanken“. Anhand eines Plakates, auf dem die Wirbelsäule groß aufgezeichnet war, lenkte sie die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf die Dreigliederung in Lendenwirbelsäule, Brustwirbelsäule und Halswirbelsäule. Die unterschiedlichen Abschnitte waren gut wahrzunehmen.

Die Aufmerksamkeit lag nun bei den gegenüber liegenden Polen und deren Qualitäten, die durch die  Beschreibung „stabil, fest“ für die Lendenwirbelsäule und „leicht, frei“ für die Halswirbelsäule unterstrichen wurden. In Bezug auf die Brustwirbelsäule wurde herausgearbeitet, dass sie eine bewegte Mitte bildet und die beiden Pole von oben und unten miteinander verbindet.

Die Dreigliederung der Wirbelsäule

Die von Christine angeleitete Seelenübung mit dem Bild der Wirbelsäule.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit einer sich nun anschließenden kurzen Konzentrationsphase, bei der die Wirbelsäule mit ihren drei Abschnitten von den Teilnehmern nochmals konkret in der Vorstellung aufgebaut wurde, konnten diese dann auch erleben, was die gedankliche Auseinandersetzung mit der Wirbelsäule unmittelbar bewirkte: sie konnten bei sich selbst bemerken, wie ihre Wirbelsäule unmittelbar in eine leichtere Aufrichtung fand.

Zweite Praxiseinheit mit Asanas: die praktische Umsetzung der Dreigliederung

Fast in jeder Asana kann die Gliederung auf der körperlichen Ebene in die drei Bereiche einer stabilen Basis, einer dynamischen Mitte und leichten, gelösten Schultern aufgebaut werden. In diesem Sinne wurde die folgende Übungsreihe angeleitet und praktiziert: Sonnengebet, Zehenspitzenstellung, stehender Halbmond, Dreieck, gedrehtes Dreieck, Halbmond, Yoga Mudra, liegende Drehung.

Das Praktizieren des Sonnengebetes: Das spann-kräftige Herausheben aus der Mitte des Rückens bei…

…gelöster Schulter-Nacken-Region und entspannten Armen fördert eine Weite in der Bewegung und im Atem.

Vorübung zum Dreieck: Im stabilen, ruhigen Drei-ecksstand werden die Arme entspannt über den Kopf geführt und der Brustkorb wird mit einer…

…spannkräftigen Bewegung aus der Region des Sonnengeflechts (etwa auf Magenhöhe) nach oben herausgehoben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So endete der erste Tag mit einem beginnenden Verständnis über den Zusammenhang von Zielen mit der Spannkraft der Wirbelsäule.

„Was ist ein Ziel?“

Am Sonntag ging es in diesem Sinne weiter mit einem Beitrag von Maria zum Thema „Was ist ein Ziel?“ Sie hatte Zitate und Gedichte von unterschiedlichen Menschen, die um geistigen Fortschritt und Entwicklung  gerungen haben, mitgebracht, u.a. von Rudolf Steiner, Christian Morgenstern, Heinz Grill, Sri Aurobindo und Leonardo da Vinci.

Maria nannte als Definition von Ziel einen in der Zukunft liegenden erstrebenswerten Zustand, ein konkretes Ergebnis. So konkret, dass der Zielrahmen, das „Wann?“ klar ist und auch das „Wie?“ eindeutig ist, also wie das Endergebnis aussieht. Man könne sich sagen, „Ich bin erst zufrieden, wenn dieses vorgenommene Ergebnis erreicht ist.“ Dieses Ziel zu halten, erfordere Spannkraft. Es gebe weit in die Zukunft gedachte Ziele und es gebe mehr gemütshafte Ziele, wie z. B. „Den heutigen Abend will ich gemütlich mit Bier und Fernsehen verbringen.“

In der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Begriff des Zieles wurde deutlich, dass man oft mit einem Wunsch beginnt: „Ich wünsche mir Glück und Zufriedenheit!“ und dass dies noch nebulös, unkonkret, also noch kein Ziel ist. Auch negativ formulierte Ziele, bspw. „Ich möchte nicht krank werden.“, stellen, wie Maria ausführte, noch kein wirksames Ziel dar, weil man noch innerhalb dessen bleibt, was nicht sein soll, aber noch keine Vorstellung dazu aufbaut, wie es konkret sein könnte.

Rita stellte die Frage, wie man mit einem Ziel umgeht, dass es nicht zum Zwang wird. Es wurde herausgearbeitet, dass ehrgeizige Ziele, die seelisch überfordern, auch krank machen können. Wenn die Ziele jedoch mit den Umständen abgestimmt werden und damit elastisch, spannkräftig und beweglich bleiben, kann das die Möglichkeiten der Veränderung bringen. Der Einzelne kann daran wachsen.

Mit dem folgenden Zitat von Heinz Grill zeigte Maria auf, wie eine Zielsetzung durch das Denken entsteht und welche tiefgreifende Wirkung damit gegeben ist: „Eine Zielsetzung geschieht durch eine Idee, und diese geschieht in der Realität durch das Denken. Auf die Realität des Denkens entwickeln sich in der Regel zahlreiche Bewegungen, die mit der Zeit die Idee in das Leben umsetzen. Indem wir denken, zeugen wir eine geistige Wirklichkeit, die schließlich in ihrer Fortsetzung auch ein Leben erschaffen wird.“

Es wurde sehr deutlich, dass ein Ziel für einen Menschen wie ein Begleiter sein kann, den er immer dabei hat  und der ihm zum Leitstern wird. Durch das Halten der Zielvorstellung, dem Bewahren des Gefühls zum Ziel und der aktiven Schritte zum Ziel, entsteht Spannkraft in der Seele: im Denken, im Fühlen und Wollen. Der Beitrag ließ Fragen bei den Teilnehmern auftauchen, Anregungen zur eigenen Auseinandersetzung sind entstanden.

Dritte Praxiseinheit mit Asanas: ein Erleben für die Weite des Atems

Die praktische Ausführung der Kobra: Das spannkräftige Durch-strecken aus der Region des Sonnengeflechtes in die Rückwärtsbeuge, wodurch die Lendenwirbelsäule vor Stauchungen geschützt wird, lässt sich mit einer Berührung in der Mitte der Wirbelsäule korrigierend unterstützen.

In Vorübungen zur Waage konnten die Teilnehmer, nachdem sie die Weite des Raumes erlebt haben, bemerken, wie damit auch der Atem mehr in eine Weite fand. Sie formten eine Raumgeste des Hineinschreitens und Hebens des vorderen Armes mit Anheben der Flanken. Die Waage folgte in mehreren Variationen mit dieser Idee. Danach kamen Stehende Kopf-Kniestellung, Dreieck in Rückenlage, Kopfstand, Kopf-Knie-Stellung, Kobra und Dreieck.

 

 

Das bewusste Lenken der eigenen Wahrnehmung in einer Seelenübung

In der nun folgenden Seelenübung ließ Karin einen Olivenzweig betrachten. In einem ersten Schritt wurde der Olivenzweig wahrgenommen und in der eigenen Vorstellung wieder aufgebaut. Karin betonte: „Was haben wir getan? Wir sind wach nach außen gegangen.“ und sie wies darauf hin, dass man Subjektives – wie z. B. Assoziationen: Italien, Griechenlandurlaub – vorerst zurückweist.

ein Olivenzweig mit den kräftigen, eher dicken und festen Blättern

Im zweiten Schritt führte Karin konkretere Aspekte ein, wie die Form, die Blattstruktur, die Farbe und den Geruch, nach denen dann noch einmal der Olivenzweig betrachtet und danach wieder in der Vorstellung aufgebaut werden sollte. Der Olivenzweig kam nun klarer heraus. Ruhe und Zentrierung entstanden im Raum. Das Bewusstsein konnte durch die hereingeführten Aspekte gezielter gelenkt werden, weil klar war, auf was man schauen sollte. Der Lernschritt für den Alltag könnte sein, sich objektiv mit einer Frage nach außen an seine Mitmenschen zu richten und damit mehr Interesse am anderen und Spannkraft für das Leben zu entwickeln.

 

 

 

Nach den zwei intensiven Tagen der Auseinandersetzung mit der Wirbelsäule, mit der Spannkraft und mit Zielen war den Teilnehmern das Zitat vom Beginn des Seminars im Verständnis näher gerückt. Die Moderatorin spannte zum Abschluss den Bogen noch einmal zum Beginn hin auf, indem sie es nochmals vorlas:

Wie ein Pfeil eines spannkräftigen Bogens in die Weite fliegt und sein Ziel erreicht, so sollte die Wirbelsäule spannkräftig und elastisch sein, damit sie für die täglichen Aktivitäten hohe Kräfte freisetzen und der Mensch seine persönlichen Ziele realisieren kann.“ [3]

(verfasst von Christine und Zita)


[1] Heinz Grill, Die Seelendimension des Yoga. Prakt. Grundlagen zu einem spiritu-
ellen Übungsweg (2018), S. 166
[2] Heinz Grill, Der freie Atem und der Lichtseelenprozess. Der Neue Yogawille in
seiner Beziehung zur Anthroposophie (2017), S. 130.
[3] Heinz Grill, Die Seelendimension des Yoga. Prakt. Grundlagen zu einem spiritu-
ellen Übungsweg (2018), S. 166.