Neuer Yogawille

Der Yoga hat mittlerweile einen nicht mehr wegzudenkenden Stellenwert in der Gesellschaft erlangt. Es finden sich unzählige Angebote in verschiedensten Variationen, die scheinbar noch so außergewöhnliche Interessen und Vorlieben mit unterschiedlichen Kursen bedienen. Man hat das Gefühl, dass die vielen Yogaschulen und zusätzlichen Angebote in Volkshochschulen, Fitnessstudios und anderen Einrichtungen sich ständig den Bedürfnissen der Teilnehmer anpassen. Selbst für fachkundige Yogalehrer wird es zunehmend schwerer, alle Yogastile in ihren verschiedenen Ausdrucksformen zu unterscheiden. Es lassen sich jedoch zwei übergeordnete Übungswege ausmachen, unter denen sich wiederum diese vielfältigen Formen einordnen lassen.

Die erste Form beschäftigt sich vorwiegend mit dem Erwachen der so genannten prana-Energie. Dabei werden die Übungsweisen oftmals mit Atemübungen (pranayama) in einfachen oder schwierigen Formen begleitet. Der Übende kann hierbei energetische Erfahrung sammeln und gewissermaßen sogar im Sinne einer Einheitserfahrung darin eintauchen. Nicht selten werden diese mystischen Erfahrungen genutzt, um sich tief in das eigene Innere für das Erleben und Schwelgen zurückzuziehen.

Die zweite Form strebt mehr die Perfektion der einzelnen Stellungen an. Hierbei werden mit intensiver Ausdauer und Auseinandersetzung die Stellungen erlernt und in ihrem Schwierigkeitsgrad ständig erweitert. Es sind oftmals akrobatisch anmutende Übungszyklen, die im genau bemessenen Maße einstudiert werden. Eine derartige Körperbeherrschung schenkt ein großes Selbstbewusstsein und außerdem eine robuste Gesundheit.

Beide gegensätzlichen Übungswege praktizieren die Stellungen im Sinne einer Technik, um sich mit ihrer Hilfe in andere Bewusstseinszustände zu heben.

Der spirituelle Lehrer und Buch-autor Heinz Grill lebt am Garda-see in Italien. Weitere Infos über seine Person finden Sie unter www.heinz-grill.de und in dem Interview bei Art D’Hommage.

Die Ausführung im Sinne eines „Neuen Yogawillen“, wie sie von dem spirituellen Lehrer Heinz Grill in den letzten mehr als zwanzig Jahren entwickelt wurde, nutzt die Stellungen weniger als Technik, sondern orientiert sich an dem Lernschritt, der durch eine bewusste Beziehungsaufnahme und eine bewusste Übungsgestaltung innerhalb der Ausführung gemacht werden kann. Hierbei ist es weniger eine mystische Versenkungsmethode oder ein emotionales Einheitsgefühl, das erstrebt wird, noch geht es primär um die Perfektion, sondern im Vordergrund stehen vielmehr die Expression und die Impression der einzelnen Stellung: Was drücken die einzelnen Yogastellungen (asana) eigentlich aus? Welcher Gedanke und welche Vorstellung liegen den Körperstellungen zugrunde, und anhand welcher Empfindung, die sich in jeder asana unterschiedlich aussprechen, kann sich ein neuer Lernschritt für das Leben ableiten?

Am Beispiel der Yogaübung kann dies bedeuten, dass wir bei ihrem inneren Sinngehalt ansetzen und diesen auf praktische und künstlerische Weise wiederum zum Ausdruck bringen lernen. Wir lernen, ausgehend von ihrer tieferen Bedeutung, die seelische und empfindungsreiche Dimension der asana kennen und erleben. Somit bleibt die Übung nicht mehr alleinig eine Körperübung. Sie wird zu einem ästhetischen Erfahrungs- und Gestaltungsfeld und eröffnet auch nach außen eine gegliederte und schöne Expression.

Mit jeder asana sind in diesem Sinne mögliche Lern- und Entwicklungsschritte verbunden, die ihre praktische Integration in das tägliche Leben suchen. Diese Übertragung der Sinngestaltung einer Übung auf das Leben stellt einen wesentlichen Aspekt dieser Übungsweise dar. Dabei  handelt es sich keineswegs um profane psychologische Analogien, sondern um differenzierte seelische Erfahrungs- und Lernschritte, die ein schrittweises Erkennen seelisch-geistiger Gesetzmäßigkeiten eröffnen kann.