Menschenbild

Es gibt viele verschiedene Menschenbilder. Jeder Mensch hat ein Menschenbild, nur sind sich die Meisten dieses Menschenbildes nicht bewusst, da es sich in der Zeit der Kindheit durch die verschiedensten erzieherischen und gesellschaftlichen Einflüsse auf unbewusste Weise anlegt. In unterschiedlichen Kulturen und zu verschiedenen Zeitepochen gab es jeweils unterschiedliche Menschenbilder.

In der Aussage eines Patienten beispielsweise „Der Arzt weiß, was gut ist für mich. Ich muss nur seinen Anweisungen folgen, dann werde ich schon wieder gesund.“ drückt sich ein anderes Menschenbild aus als in der Aussage „Der Arzt hat mir die Therapie A und B vorgeschlagen. Ich werde mich damit auseinandersetzen, worum es sich handelt und auch die Krankheit erforschen, um zu sehen, was ich selbst tun kann, welche Therapie sinnvoll ist und dann eine Entscheidung treffen.“

Bei der ersten Aussage wird der Arzt zur alleinigen Autorität erhoben und der Patient gibt seine Verantwortung an ihn ab. Bei der zweiten Aussage drückt sich aus, dass der Patient selbst forschend und denkend aktiv wird, er berät sich mit dem Arzt, aber übernimmt selbst Verantwortung für seine Gesundheit und seine Entscheidungen.

Das Menschenbild beschreibt das Wesen des Menschen. Was oder wie ist der Mensch? Wie steht er in Beziehung zur Natur, zu den Mitmenschen und zur übersinnlichen Welt? Welche Fähigkeiten besitzt der Mensch? Das Menschenbild, das ein Mensch in sich trägt, hat maßgeblich Einfluss darauf, wie der Mensch im Leben steht.

Das viergliedrige Menschenbild im Neuen Yogawillen

Der Neue Yogawille geht von einem viergliedrigen Menschenbild aus, wie es auch der Anthroposophie Rudolf Steiners zugrunde liegt.

Das Ich oder der Geist ist das höchste Wesensglied des Menschen. Das Ich als geistige Dimension befähigt den Menschen mit schöpferischen Kräften und mit der Kraft zur Erkenntnis und ermöglicht damit, dass der Einzelne seinem Leben selbst eine Führung und schöpferische Durchgestaltung geben kann.

In Bezug auf die Yogapraxis bedeutet dies beispielsweise, dass der Übende nicht dazu verurteilt ist, Regeln zu befolgen, die er nicht versteht, nach dem Motto „Der Meister hat’s gesagt.“, sondern er kann durch die eigenständige gedankliche Auseinandersetzung zum Beispiel die Gesetzmäßigkeiten der Lebenskräfte oder Ätherkräfte und wie sie in der Bewegung wirksam gemacht werden, anhand der Beschreibungen von Heinz Grill zu den Asana selbst in Erfahrung bringen und zunehmend praktisch umsetzen, und in diesem Sinne auch direkt neue, aufbauende Lebenskräfte schaffen.

Das zweite Wesensglied des Menschen ist die Seele oder der Astralleib. Der Astralleib ist nicht nur eine Dimension im Menschen, sondern mit ihm steht der Einzelne in einer Beziehung zum ganzen Kosmos oder Makrokosmos. Hier finden über das Bewusstsein alle Vorstellungen, Gefühle, Stimmungen und Willensregungen statt. Das Denken, das Fühlen und der Wille sind die sogenannten Kräfte der Seele, womit der Mensch Ziele und Ideen in eine Vorstellung bringen, dementsprechende Empfindungen und Gefühle hierzu entwickeln und schließlich in der Welt zur Tat schreiten kann. Den Astralleib hat der Mensch gemeinsam mit dem Tier, wobei das Tier im Unterschied zum Menschen seinen Gefühlen, Trieben und Instinkten ausgeliefert ist, da es kein Ich besitzt. Der Mensch hingegen kann die Fähigkeit entwickeln, diese zu lenken und zu veredeln.

Das dritte Wesensglied des Menschen ist der Ätherleib. Dieser organisiert die Lebenskräfte oder Ätherkräfte. Im klassischen Yoga werden diese auch als prana-Kräfte bezeichnet. Der Ätherleib ist zuständig für die Erhaltung der Gesundheit und gibt auch eine Grundlage für das Denken. Er sorgt unter anderem für das Wachstum, das Fließen der Säfte (Blut und Lymphe) und die chemischen Umwandlungsprozesse im menschlichen Organismus. Neben dem Menschen besitzen auch das Tier und die Pflanze einen Ätherleib.

Das vierte Wesensglied ist schließlich der physische Leib. Dieser ist im Unterschied zu den anderen drei Wesensgliedern sichtbar und greifbar. Er wird vom Ich in der Entwicklung, vom Astralleib in einem Bewusstsein und vom Ätherleib am Leben erhalten. Der Mensch, das Tier, die Pflanze und das Mineralreich besitzen einen physischen Leib.[1]

Ein Vergleich mit dem Menschenbild der Katholischen Kirche

Interessant ist ein Vergleich mit dem Menschenbild der Katholischen Kirche, da dieses bei uns in Deutschland eine weite Verbreitung hat. Ein auffälliger Unterschied ist, dass die Katholische Lehre dem Menschen keine geistige Dimension, also kein Ich zugesteht. Es werden dem Menschen höchstens noch geistähnliche Eigenschaften innerhalb der Seele zugerechnet, aber nicht eine individuelle geistige Dimension. Die geistige Schöpferkraft befindet sich nach der Katholischen Lehre außerhalb des Menschen und kam nur in dem Christus zur Wirksamkeit. Die Katholische Kirche sieht sich als dessen einzig legitimierter Nachfolger und der Einzelne kann an dem christlichen Heil nur teilnehmen, wenn er als Mitglied der Katholischen Kirche die Sakramente von den Priestern und Bischöfen erhält. Es braucht die Vermittlung der Institution der Kirche und der Einzelne ist damit in einer Abhängigkeit.

Dieses Menschenbild drückt sich auch in der herrschenden Praxis der Katholischen Kirche aus, bestimmte Glaubensinhalte als Dogma festzulegen. Ein Dogma wird von der Katholischen Kirche aufgestellt und darf vom Gläubigen weder angezweifelt, noch erforscht werden, sondern ist gläubig anzunehmen. So wurde beispielsweise beim 2. Konzil von Konstantinopel von 553 n. Chr. die von dem bedeutenden frühchristlichen Theologen und bedeutenden Kirchenlehrer Origenes vertretene Lehre der Präexistenz der Seele (vorgeburtliche Existenz) als irrtümlich verworfen. Stattdessen wurde die jeweils unmittelbare Schöpfung der Einzelseele bei der Zeugung Bestandteil der Kirchenlehre. Es wurde damit die Möglichkeit der Reinkarnation (wiederholte Erdenleben) ausgeschlossen.[2] Wer sich nicht an ein Dogma hält, ist laut der Kirchenlehre zu verfluchen und mit dem Kirchenbann (Anathema) zu belegen, das heißt, er wird exkommuniziert und damit aus der Kirche ausgeschlossen. In früheren Zeiten wurden viele Menschen deshalb als Häretiker und Hexen verfolgt, heute hat sich dieses Vorgehen in die Diffamierung und Verfolgung eigenständig denkender Menschen als Sekte gewandelt. Die Praktik der Dogmatisierung von bestimmten Glaubensinhalten ist einem Denkverbot gleichbedeutend.

Die Katholische Kirche geht von dem Prinzip der Sukzession aus, das heißt, dass der Priester allein aufgrund des durch Weihe verliehenen Amtes ein wirksames Sakrament spenden kann. Es kommt nicht darauf an, ob der Priester fähig oder unfähig ist, ob er moralisch oder unmoralisch ist. Der kirchliche Amtsträger kann hiernach den „Heiligen Geist“ kraft seines Amtes wirksam herabrufen. Es ist kein spirituelles Streben und auch keine eigene Erkenntnis nötig.[3] Dem Charakter des Priesters wird hierbei keinerlei Rolle zugemessen, das Sakrament ist unabhängig vom Menschen wirksam. Der Mensch ist nach diesem Dogma völlig unbedeutend, seine Gesinnung und seine Handlungen haben keinerlei Bedeutung, er dient lediglich als ein Medium ohne eigenes Ich, das die Christus-Kraft wie ein Rohr durchleitet. Mit einem natürlichen Empfinden wird man bemerken, dass so etwas nicht möglich sein kann und dass dies jeglichem religiösen und christlichen Grundsatz widerspricht. Dieses Dogma ist jedoch eine konsequente Folge aus dem Menschenbild der Katholischen Kirche, das den Menschen ohne ein Ich, ohne eine Geistbefähigung sieht und damit letztlich auch ohne Verantwortung.

Ein Vergleich mit dem Menschenbild im Wirtschaftsleben

Dem heutigen Wirtschaftsleben liegt ein ähnliches Menschenbild zugrunde, das die schöpferische geistige Ebene des Menschen vollständig negiert und sich als natürliche Konsequenz des Katholischen Menschenbildes etabliert hat. Der Mensch wird gesehen als eine Art Konsum-Automat, der möglichst viel konsumieren soll, damit die Wirtschaft unendlich weiterwächst und noch höhere Profite erzielen kann. Der Mensch soll möglichst nicht denken, sondern er soll seinen unbewussten Begehrensantrieben folgen und Dinge kaufen, die er im Grunde gar nicht benötigt. Diese unbewussten Triebe werden durch Werbung gezielt angeheizt. Ein Auto kauft ein Mann demnach nicht, weil es eine gute Qualität, eine verlässliche Technik hat und lange haltbar ist, sondern weil ihm ein Gefühl vermittelt wird, dass er mit diesem Auto bei den Frauen gut ankommt usw.

Auch hier wird der Mensch in eine Abhängigkeit geführt, eine Abhängigkeit zur Materie, es geht darum, was er hat und was er sich mit seinem Einkommen alles kaufen kann. Je mehr er hat, desto glücklicher ist der Einzelne, von dieser Devise geht die heutige Betriebs- und Volkswirtschaftslehre aus.

Der Psychologe und Soziologe Erich Fromm zeigte schon in den 50er Jahren auf, dass sich der Mensch, wenn er überwiegend konsumiert, zunehmend von sich selbst und von der Welt außerhalb entfremdet und schließlich jegliche Hoffnung und Sinnhaftigkeit im Leben verliert. Auch die heute so weit verbreitete Destruktivität ist ein Symptom dieser Entwicklung. Erich Fromm kam in seiner langjährigen Forschung und Arbeit mit der Psyche des Menschen im Zusammenhang mit dem Gesellschaftsleben zu dem Ergebnis, dass der wirklich gesunde Mensch im Leben etwas schaffen möchte, und dass er dem Leben selbst einen Sinn geben möchte. Der Mensch ist nicht dann am glücklichsten, wenn er möglichst viel hat und möglichst passiv ist (Existenzweise des Habens), sondern dann wenn er seine Kräfte schöpferisch im Leben für ein sinnvolles Ziel einsetzen kann (Existenzweise des Seins)[4].

Diese Fähigkeit des Menschen, dem Leben selbst eine Führung zu geben und es schöpferisch zu gestalten, ausgehend von einem selbst errungenen Verständnis bis hin zu einer Erkenntnis bezüglich tieferer Zusammenhänge des Lebens, liegt dem viergliedrigen Menschenbild mit der Dimension des Geistes oder dem Ich des Menschen zugrunde. Dieses Ich und wie es im Leben auf aufbauende, entwicklungsfördernde Weise wirksam werden kann, soll im Neuen Yogawillen maßgeblich gefördert werden.


[1] Zu einer Vertiefung ist das Kapitel zu den vier Wesensgliedern des Menschen im Buch von Heinz Grill:  Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse,  ab S. 32 sehr empfehlenswert.

[2] Vgl. Grill, Heinz: Übungen für die Seele. Die Entwicklung eines reichhaltigen Gefühlslebens und das Erlangen erster übersinnlicher Erkenntnisse, S. 198.

[3] Vgl. Meindl, Ludwig: Der Mensch am Scheideweg. Sind wir Kinder des Lichts – oder Söhne der Finsternis? Das Bild des Menschen im Wandel der Zeit, S. 134.

[4] Vgl. hierzu Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.